Mittwoch, 2. Oktober 2013

„Damenwahl“? „Frauenpower“?



Nein. Ganz schlicht und normal: am letzten Wahlsonntag vertraten ganz einfach zwei Frauen das konservative Lager in der Berliner Runde: Angela Merkel repräsentierte die CDU und Gerda Hasselfeldt die CSU. Wie auch immer eine dritte Legislaturperiode der Kanzlerin nach den folgenden vier Jahren zu beurteilen sein wird; zu hoffen bleibt, dass mit einer Bundeskanzlerin mehr Frauen in die Regierung kommen, die MinisterINnen nicht weniger und dass in der öffentlichen Wahrnehmung Frauen auch in der ersten Führungsriege schlicht selbstverständlicher werden.
So ganz klappt das ja immer noch nicht; denn wie die Zusatzbezeichnungen "Damenwahl" oder "Frauenpower" diffamiert v.a. das mediale Etikett „Mutti" auf recht subtile Weise. Macht und Durchsetzungskraft, die es geschlechtsneutral für den Kanzlerposten braucht, werden bewusst ins Lächerliche gezogen, Bürger und Bürgerinnen im gleichen Atemzug zu unmündigen Kindern degradiert. Verzichtet man für einen Augenblick angesichts des lustigen Beinamens auf den bitter notwendigen Humor, könnten sich auch die tatsächlichen Mütter diffamiert fühlen. Aber so ernst ist es ja nicht. Angela Merkel lässt auch das kommentarlos abperlen. Aber wer hätte jemals ihren Mentor und Förderer Helmut Kohl oder Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder als „Vati“ bezeichnet oder gar den Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück? Weder die beiden Ex-Bundeskanzler noch der Kanzlerkandidat zeigten sich zimperlich, wenn es um die Verteidigung ihrer Pläne und Standpunkte innerhalb und außerhalb der Partei ging. Wie hätten die Schlagzeilen konsequenterweise im Falle eines Wahlsiegs Peer Steinbrücks lauten müssen? „Vati Steinbrück übernimmt das Regiment“?

Allerdings haben die scharfen Augen der heute-show-Redakteure Entlarvendes aus den Unmengen an Filmmaterial entdeckt, die das spießig klingende "Mutti" rechtfertigen würde. Ein kurzer Moment auf dem Podium: im Schwung der Freude über das Wahlergebnis lässt sich Hermann Gröhe dazu hinreißen, mit einem kleinen Deutschlandfähnchen seiner Emotion Ausdruck zu verleihen – kurzerhand nimmt die Kanzlerin dem Generalsekretär – wie einem kleinen Jungen – die Fahne weg. Herabwürdigung? In jedem Fall ein kurzer Einblick in die Tiefen der Parteidisziplin und die Befugnisse der Parteivorsitzenden.

Eine selbstverpflichtende Frauenquote bei Bündnis 90/Die Grünen hat zwar keine Angela Merkel hervorgebracht, wie die grüne Spitzenfrau Katrin Göring-Eckart der FAZ gegenüber zugeben muss, macht aber vielleicht das Gerangel unter den weiblichen Parteimitgliedern salonfähig und schlicht normal. Simone Peter, saarländische Umweltministerin, Kerstin Andreae, die sich als Wirtschaftsexpertin gegen die Steuererhöhungspläne ausgesprochen hat und Katrin Göring-Eckart werden darum ringen, wer Claudia Roth beerben darf. Wir sind gespannt, wie häufig Begriffe wie „Zickenkrieg“ in den Medien auftauchen.

Frauen streben also sehr wohl Führungsposition an und scheuen auch die Macht nicht; denn sie kommt von machen, von gestalten. Ob der Wille zur Macht auch der Wille zur Gestaltung ist und nicht nur das Streben nach einer geld- und prestigewerten Position, muss sich zeigen. Hier sei nochmal an die Frage nach dem Kanzlergehalt erinnert...

Angela Merkel und die Fahne
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1994724/heute-show-vom-27.09.2013?bc=kua884728


"Für Sie bin ich nicht der Herr Kohl"

Herzlichen Glückwunsch:

Die Medizinerin Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer ist auf dem 29. Internationalen Kongress des Weltärztinnenbundes (Medical Women's International Association, MWIA) im August mit großer Mehrheit zur designierten Präsidentin gewählt worden. Bettina Pfleiderer vom Institut für Klinische Radiologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, wo sie auch die Arbeitsgruppe Cognition & Gender leitet wird den Weltverband ab 2016 drei Jahre lang führen.
http://www.uni-muenster.de/Rektorat/exec/upm.php?rubrik=Alle&neu=0&monat=201308&nummer=16930 http://www.mwia.net 

Dennis Mukwege, der als Gynäkologe im Kongo Tausende Vergewaltigungsopfer behandelt hat, bezichtigte die Regierung des Kongo der Mitschuld an den Massenvergewaltigungen und wurde selbst Opfer eines Attentats. Nach 2 Monaten im Versteck kehrte er als Volksheld zurück und erhält nun den alternativen Nobelpreis und gilt als Anwärter für den Friedensnobelpreis.





Interessante Links:

Politik:
Frauenanteil im Bundestag bleibt auch künftig gering
Weibliche Abgeordnete dürften im Bundestag weiterhin eine Minderheit bleiben: Einer Studie zufolge sind trotz der Debatte um Frauenquoten in Politik und Wirtschaft Bewerberinnen um ein Parlamentsmandat Mangelware. Handelsblatt

Frauen 50plus entscheiden die Bundestagswahl - mit deutlichen Forderungen an die Politik
Hamburg (ots) - Repräsentative Emnid-Umfrage im Auftrag des Magazins Meins zeigt Einfluss und Bedeutung der wichtigsten Wählergruppe für Deutschland
Die mit Abstand größte Wählergruppe in Deutschland stellen die rund 17 Millionen Frauen 50plus. Im wahrsten Sinne des Wortes regieren sie unser Land. Ihre Forderungen an Regierung und Politik werden die kommende Bundestagswahl entscheiden.

Wirtschaft:
„Keine Bank zahlt absichtlich ungleiche Löhne“
In keiner anderen Branche sind die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen so gross wie bei Banken und Versicherungen. Jetzt will der Arbeitgeberverband der Banken reagieren – weil die Politik mit Zwangsmassnahmen droht. Klaus Ammann

„Was hindert Frauen daran, an die Spitze zu kommen?“
NIEDERRHEIN. „Diese außergewöhnliche Frau sollten wir unbedingt an den Niederrhein einladen“ – Dr. Irmgard Schwaetzer war zu Gast beim Sommerfest des unternehmerinnen forums niederrhein in Weeze in der Schlossruine Hertefeld und es war für alle ein ergiebiger Besuch. Niederrhein Nachrichten
http://www.nno.de/gesamt/wirtschaft-und-politik/was-hindert-frauen-daran-an-die-spitze-zu-kommen


2013 kein "Superwahljahr" für Frauen in Aufsichtsräten

Zuwachs im Women-on-Board-Index von FidAR verlangsamt sich
- Frauenanteil in Führungsetagen der DAX-Unternehmen erreicht Höchstmarke
- Diversity-Welle bleibt trotz zahlreicher Neubesetzungen in Aufsichtsräten aber aus
- GfK vor Celesio, QSC und Telefónica Spitzenreiter des WoB-Index
- FidAR-Präsidentin: "Ohne Druck droht Stagnation - Regierung muss nach Wahl endlich handeln"
http://www.lifepr.de/inaktiv/frauen-in-die-aufsichtsraete-fidar-ev/2013-kein-Superwahljahr-fuer-Frauen-in-Aufsichtsraeten/boxid/441442

International:
Nie aus Liebe
Fast jeden dritten Tag Fast jeden dritten Tag bringt in Italien ein Mann seine Frau um. Ein Gesetz soll Besserung bringen. Lächerlich, meinen Fachleute. Regina Kerner

Männer wählten blau, Frauen rot- schwarz
Die Nationalratswahl 2013 ist geschlagen, das Ergebnis macht eines deutlich: Es gibt keine "Volksparteien" mehr. Die Zeiten, in denen eine Partei gleichmäßig gut in allen Bevölkerungsgruppen abschneidet, sind vorbei. Vor allem bei den Geschlechtern ergaben sich teils große Unterschiede bei der Parteipräferenz. Welche Parteien Herr und Frau Österreicher warum gewählt haben, geht aus einer aktuellen Wahltagsbefragung von SORA/ISA im Auftrag des ORF hervor.
http://www.krone.at/Oesterreich/Maenner_waehlten_blau._Frauen_rot-schwarz-Wahltagsbefragung-Story-377467

Mittwoch, 19. Juni 2013

Wie der/die HerrIn so's Gescherr?


Also gut, es hat nicht geklappt – das mit dem fraktionsübergreifenden Gesetzesentwurf für eine Frauenquote. Dennoch bleibt das Thema auf der Wahl-Agenda. Trotz überzeugter Gegnerschaft stellt sich die FDP der Diskussion und lud am 03. Juni in den Bundestag ein. "Trendwende ohne Quote" titelte die Veranstaltung und versammelte QuotengegnerInnen und BefürworterInnen auf dem Podium wie im Publikum. 
Hier meldeten sich zwei überzeugte VertretER für eine gesetzliche Regelung zu Wort. Um Rekrutierungsroutinen und tradierte Verhaltensweisen beim Gerangel um die Macht effektiv zu überwinden, bedürfe es wirkungsvoller Werkzeuge. Der zweite Befürworter hatte ausgerechnet, dass es rund 250 Frauen bedarf, um die Aufsichtsratsposten der angestrebten Quote entsprechend zu besetzen. Raunen im Publikum. Kaum vorstellbar, dass es unter den zahlreichen Juristinnen, Betriebs- und Volkswirtschaftlerinnen, Wirtschaftsberaterinnen in der gesamten Republik nicht zweihundertfünfzig qualifizierte Anwärterinnen geben sollte.

Der Mittelbau müsse gefördert werden, statt mit Gewalt Quotenfrauen in die Poleposition zu katapultieren; so ein Argument der Gegner. Der Eingriff in die unternehmerische Freiheit widerstrebt den Liberalen, die eine eher natürliche Entwicklung bevorzugen. Warum aber eigentlich "fördern"? Frauen haben im Schnitt die besseren Abschlüsse, studieren mit Jura, BWL und VWL für die meisten Posten auch das Richtige. "Nicht behindern" würde reichen.
Gerade im Gesundheitssektor wird schnell offenbar, dass die folgende Gleichung gerade nicht aufgeht:
Frauen x (Basis + Mittelbau) = entsprechende Besetzung auf den Führungsposten.
Eher so: Viele "IndianerINnen", wenig "HäuptlingINnen".

Erst wenn oben die Entscheidung getroffen wird, gleichgültig ob durch einem Mann oder eine Frau,   dann passiert auch unten etwas:
Bahnchef Rüdiger Grube will den Technik-Vorstand nun mit einer Frau besetzen. Kein Klassiker, wie die Position des Personalvorstandes, sondern ein richtig harter Job, der Durchsetzungskraft und Verhandlungsgeschick verlangt. Das Novum: unter den Kandidaten befinden sich gleich mehrere Frauen!
Einen ebenfalls harten Job wird Bettina Volkens ausfüllen. Sie ist nach der Berufung von Simone Menne ins Finanzressort die zweite Frau im Lufthansa-Vorstand und wird als Arbeitsdirektorin mit Tarifverhandlungen befasst sein sowie mit der unangenehmen Aufgabe Stellen abzubauen. Der Lufthansa-Konzernchef Christoph Franz selbst ist es, der sich für ein Mehr an Frauen in Führungspositionen ausspricht und von seinen Führungskräften gute Argumente fordert, wenn ein zu freier Posten nicht weiblich besetzt wird. 
Wie der Herr so eben's G'scherr.

Eine gesetzliche Quote würde in internationalen, börsennotierten Unternehmen nicht dem deutschen weiblichen Nachwuchs die entsprechenden Chefsessel sichern, sondern Führungsfrauen aus dem Ausland lautet ein weiteres gegnerisches Argument. Wir erinnern uns: rund 250 bräuchten wir....  Aber sei's drum. Ist eine international besetzte Führungsebene in international agierenden Unternehmen so undenkbar – nur weil sie weiblich ist? Selbst wenn sich landauf, landab nicht die erforderliche Anzahl an qualifizierten Führungsfrauen finden ließe, dann könnten wir doch von den Chefinnen aus England, Frankreich oder den USA lernen?! Und auch sie könnten als lang vermisste Vorbilder für jüngere Frauen aus dem Mittelbau fungieren?!

Eine Trendwende sei nun auch ohne Quote zu erkennen, war dem Motto der Veranstaltung entsprechend, mehrmals vom Podium zu hören. Ohne klare Forderung – auch aus Brüssel – nach einer gesetzlichen und mit Sanktionen versehenen Regelung wäre diese, nun zu Recht gelobte Wende wohl kaum eingetreten. Die Quote wirkt bereits – wenn auch indirekt.
Eine Quote um der Quote willen, ist kaum das erklärte Ziel der Befürworterinnen und Befürworter. Sie kann nur Krücke sein, um die ersten Gehversuche aus verkrusteten Strukturen zu erleichtern. Manche Unternehmen brauchen keinen Zwang. Perfekt! Dann braucht es natürlich auch keine Quote. Sollte im ein oder anderen Fall eine Gehhilfe doch erforderlich sein, aber als zu schmachvoll empfunden werden? Dann kann man es ja mal ohne versuchen. Hauptsache kein Stillstand und v.a. kein entspannter Rückfall in alte Strukturen. Die Trendwende hat gerade erst begonnen....

Links zum Thema:

Bahnchef will härtesten Job einer Frau geben
Bahnchef Rüdiger Grube setzt beim härtesten Job im Konzern auf eine Managerin. Rund ein halbes Dutzend Kandidaten sind in der engeren Wahl für den Technik-Vorstand – die meisten sind Frauen. Von Nikolaus Doll

Bahnchef Grube sendet das falsche Signal
von Ferdinand Knauß
Die Deutsche Bahn steht unter dem Druck der Quotenpropaganda, eine Frau als Technikvorstand zu berufen. Ein Lehrstück der Dominanz der Ideologie über die Vernunft.

Eine Exotin rückt in den Lufthansa-Vorstand auf
Mit ungewöhnlichen Ideen und Loyalität zu ihrem Chef hat sich Bettina Volkens den Weg in den Lufthansa-Vorstand gebahnt. Nun stehen der Arbeitsdirektorin harte Zeiten bevor. Von Nikolaus Doll und Ernst August Ginten

Wechsel im Vorstand: Lufthansa macht Simone Menne zur Finanzchefin
Die Lufthansa setzt auf Frauen-Power - und beruft die Managerin Simone Menne in den Vorstand. Es ist das erste Mal, dass eine weibliche Führungskraft das Finanzressort eines Dax-Konzerns leitet.

Wieder erobern zwei Frauen einen Vorstandsposten
Beim Autozulieferer Continental und beim Dax-Konzern Henkel werden erstmals Frauen in den Vorstand berufen. Beide leiten die Personalabteilungen.

Frauen arbeiten sich immer schneller an die Spitze
Eine Frau im Vorstand eines Dax-Konzerns ist immer noch eine Schlagzeile wert, zuletzt bei der Lufthansa. Experten beobachten jedoch, dass der Run auf den Chefsessel eine Eigendynamik entwickelt. Von Olaf Gersemann

Strategie für Führungsfrauen:

Studie zu Führungsfrauen
Zu viel lächeln ist auch nicht gut
04.06.2013 ·  Ein gewinnendes Lächeln oder ein Scherz auf den Lippen sind in der Arbeitswelt nicht immer von Vorteil. Münchener Forscher haben herausgefunden: Frohnaturen wird das Chefsein nicht unbedingt zugetraut. Jedenfalls dann nicht, wenn die Spaßvögel Frauen sind.

International:

Im Iran hat Zahra für Wirbel im Wahlkampf gesorgt. Frauen waren zwar ausgeschlossen, aber eine weibliche Comicfigur wird zur Hoffnungsträgerin....

Comicfigur will Nachfolgerin Ahmadinedschads werden
Eine virtuelle Wahlkampagne im Internet macht die Mullahs offenbar nervös: Der (echte) Geheimdienst überwacht die 52-jährige Kandidatin und deren Schöpfer, ein arabischer und ein iranischer Künstler. Von Sonja Gillert

HEUTE WAHL IM IRAN!
Diese Comic-Figur will Präsidentin werden
Zahra steht für die, die sich nicht zur Wahl stellen dürfen. Sie ist ein Produkt der unterdrückten Opposition. Schlägt bald ihre Stunde?

WAHLKAMPF BEGINNT!
Diese Frau will Irans erste Präsidentin werden
Die Anmeldefrist ist vorbei: 400 Iraner wollen Nachfolger von Ahmadinedschad werden. Der selbst aber ist unter Druck. Der Wächterrat will ihn vor Gericht bringen

Literaturempfehlung:

Für die Ferienlektüre seien die Romane von Sibylle Lewitscharoff empfohlen, der neuen Büchnerpreisträgerin.

Büchner-Preis geht nach Berlin
Zu viel Wahrheit tut nicht gut
04.06.2013
von Gregor Dotzauer
Metaphysische Spiele: Die Berliner Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff erhält den Georg-Büchner-Preis. http://www.tagesspiegel.de/kultur/buechner-preis-geht-nach-berlin-zu-viel-wahrheit-tut-nicht-gut/8299422.html

LITERATUR
Für Sibylle Lewitscharoff sind wir „fantastische Wesen“ | WAZ.de - Lesen Sie mehr auf:

Montag, 15. April 2013

Volker Kauder und die Frauen...


Zack, zack, zurück ins Körbchen? Unionsfraktionsvorsitzender Volker Kauder kommandiert die CDU-Frauen auf Linie. Weibliche Parteimitglieder durften in der Vergangenheit ein bisschen mit der gesetzlichen Frauenquote spielen, fraktionsübergreifend die Berliner Erklärung unterzeichnen, aber wenn es dann ernst wird – Schluss? "Nicht jede heikle Frage ist eine Gewissensfrage." (...) Vor allem bei Fragen, die in unserer großen Volkspartei unterschiedlich bewertet werden, müssen wir zusammenhalten. Nichts schadet uns mehr als Streit. Gerade die bürgerlichen Wähler schätzen klare Positionen" (Volker Kauder in Die Welt, 11.04.13) 
Wer vorher nicht zur Diskussion bereit ist, riskiert den Streit. Das Thema steht seit langem auf der Agenda und die Position der Abweichlerinnen kommt nicht wirklich überraschend. Eine echte Auseinandersetzung hat – zumindest für das zeitungslesende bürgerliche Publikum nicht stattgefunden. Klare Position heißt im Falle eines Falles wohl, gegen die eigene Überzeugung und damit gegen das eigene Gewissen abzustimmen. Zur Sicherheit wird dieser kulturell und individuell mühsam errungenen Instanz schlicht die Kompetenz abgesprochen, sich bei gesellschaftlich doch recht zentralen Fragen zu Homo-Ehe und Frauenquote einzuschalten. Fraktionszwang macht eine Partei nicht notwendig glaubwürdiger. Dass nun Volker Kauder die CDU-Damen zurückzupfeifen versucht, könnte angesichts des bevorstehenden Wahlherbstes interessant werden. Manche  (auch bürgerliche)  Wählerin könnte nämlich vermuten, dass die CDU am Ende doch die männlich dominierte Partei der alten Schule ist – allen MinisterINnen und einer KanzlerIN zum Trotz. (Die sich auch gegen eine gesetzliche Quotenregelung stellt - warum wohl?) Zu fragen wäre, ob das Politikverständnis wir-gegen-die-anderen oder: wenn-die-anderen-dafür-sind-müssen-wir-dagegen-sein, allein dazu dient, Claims abzustecken – pardon: Positionen? Oder ob jetzt die Zeit gekommen ist, bestehende (Old-Boys-)Netzwerke aktiv zu schützen?? 
Mit der "Flexiquote" versucht die Bundesfamilienministerin, Kristina Schröder, Quotenbefürworterinnen und –befürworter schon lange zu überzeugen – oder zu vertrösten (?) – und der Partei eine Hintertür offen zu halten. Angesichts zahlengestützter Fakten dürfte das nur unzureichend gelingen. So hat der diesjährige Women-on-Board-Index (WoB-Index) wieder gezeigt, wie langsam deutsche Unternehmensmühlen mahlen: "12 Jahre nach der Selbstverpflichtungserklärung der deutschen Wirtschaft, den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen, und 4 Jahre nach der Aufnahme der Forderung nach mehr Vielfalt in den Deutschen Corporate Governance Kodex liegt der kumulierte Anteil von Frauen bei 11,1 Prozent (Stand 31.03.2013). Bei einem Zuwachs von 4,6 Prozentpunkten innerhalb der vergangenen 2 Jahre nur eine marginale Verbesserung." Dank der Diskussion und der sehr konkreten Drohung aus Brüssel gewinnen die Bemühungen aber an Schwung; gab es 2011 noch 74 frauenfreie Vorstandsetagen, so sind es nun 33. Dennoch: Spielräume werden genutzt und ausgenutzt. Solange die zu rund 95 Prozent männlich besetzten Vorstandsetagen sich in der Quotenfrage eines Volker Kauder und damit der CDU und FDP sicher sein können, steht zu befürchten, dass die Flexiquote so flexibel gehandhabt wird, dass am Ende alles bleibt wie es ist oder sich kaum spürbar verändert. Sich selbst perpetuierende Systeme wandeln sich eben sehr, sehr langsam, demographischer Wandel hin, Fachkräftemangel her.
Das lahme Argument, Frauen studierten eben nicht das Richtige, um auf Führungsposten zu gelangen, versagt angesichts der Realitäten. Die Initiativen ProQuote Medien e.V. und ProQuote Medizin, übrigens auch von Männern unterzeichnet (!), zeigen dass der Markt eben nicht automatisch funktioniert; denn in beiden Bereichen haben Frauen das Richtige studiert und stellen mindestens die Hälfte der an der Basis Tätigen. In den Chefredaktionen bestimmen dagegen rund 98 Prozent Männer welche Nachrichten wie in die Öffentlichkeit gelangen. 10 Prozent Frauen sind als Chefärztin dabei und rund 3 Prozent als Professorin oder Dekanin einer medizinischen Fakultät für Lehre und Forschung mitverantwortlich.
Es geht um Claims und wir nähern uns empfindlich der Demarkationslinie. Das wird dank der Gesetzesvorlage, über die am 18. April abgestimmt wird, nun sichtbar. Volker Kauder traut seinen weiblichen Parteimitgliedern nicht. Basta, Faust auf den Tisch? Die ohnehin fragile Koalition mit der FDP hat andere Stürme überstanden und hier haben sich Kanzlerin und der Koalitionspartner durchaus flexibel gezeigt (Stichwort: Eurobonds). Lassen sich die CDU-Frauen, die mit der Berliner Erklärung für eine Frauenquote eingestanden sind, wieder hinter die traditionelle Parteilinie zurückdrängen? Das wäre ein Verlust an Glaubwürdigkeit, ein trauriges Signal und schade um die ganze vorangegangene Arbeit.

Kauder ermahnt Frauen der Unionsfraktion.
Handlungsfähigkeit der Koalition sei gefährdet, wenn eine Frauenquote für die Aufsichtsräte nicht abgelehnt wird.


In Sachen Frauenquote muss Kauder es für Merkel richten
Die Debatte über die Frauenquote bedroht die Koalition.

Kauder fordert Disziplin von CDU-Frauen

EU-Kommissarin verteidigt Frauenquote
Reding pocht auf eine feste Vereinbarung

Berliner Erklärung

Hier geht's zum WoB-Index (2013) - FidAR e.V. (Die Initiative für mehr Frauen in die Aufsichtsräte)

Pro Quote Medien e.V.

Initiative Pro Quote Medizin

Freitag, 8. Februar 2013

"Sex sells"? Quotendebatte: Teil...? Helau und Alaaf!


Kabarettisten und Politsatiriker haben es leicht dieser Tage. Einfach Zeitung oder besser – Zeitschriften – lesen und fertig ist das Programm.
Der Stern entlarvt gewisse Anzüglichkeiten, die sich eine seiner Journalistinnen zu fortgeschrittener Stunde in der Hotelbar von Rainer Brüderle hat gefallen lassen müssen als sexistisch. Skandal? 
Ein Jahr nach den Ereignissen und pünktlich zum beginnenden Wahlkampf? Wohl eher Timing. Und trotzdem: ist eine Frau jung und hübsch, der Mann in einer hierarchisch höheren Position – tatsächlich oder gefühlt – und die Atmosphäre locker, können Grenzen sehr leicht sehr elastisch werden. Nichts gegen ein nettes Kompliment, aber die Sensibilität dafür, wann der verbale Übergriff beginnt, fehlt gelegentlich. 
Die Meinungen gehen auseinander. Frauen, die sich in ihren Grenzen verletzt fühlen, sollten sich nicht so "anstellen", meinen die einen (nicht nur Männer!), ein Gespräch auf Augenhöhe im Wortsinne muss doch jederzeit möglich sein, die anderen (auch Männer!). Dass eine Frau mit einem Kommentar zur körperlichen Beschaffenheit des Mannes die Konversation etwas auflockern möchte und z.B. ihre Ansicht zu Brustbehaarung oder Erfolgen im Fitnessstudio ihres Gegenübers äußert (um anatomisch im diskutierten Bereich zu bleiben), dürfte mit Recht Befremden auslösen.
Dass nun ausgerechnet der Stern mit einer Sexismusdebatte die moralische Sensibilität und vielleicht auch die Verkaufszahlen erhöhen will, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Es gibt wohl kaum ein Cover ohne eine attraktive junge Frau, die sehr leicht oder gar nicht bekleidet für ein beliebiges Thema des kritischen Journalismus zu werben hat. Zuweilen in so provozierender Haltung, dass die Zeitschrift vom Unkundigen leicht mit Blättern eines ganz anderen Genres verwechselt werden könnte.
Überhaupt zeigt sich in diesen Wochen, wie sich die etablierte Männerquote von rund 98 Prozent in den Chefredaktionen auswirkt. Das Magazin Focus titelte mit Starken Frauen, die bekennen: "Wir wollen keine Frauen-Quote!" Und wieder muss das Klischee, Quote oder Leistung für vermeintliche Kritik herhalten. 
Wer aber sind die starken Frauen, die es allein geschafft haben, ganz ohne Quote? Eine Schauspielerin, kommt sehr wahrscheinlich nie für eine männliche Rolle infrage. Eine Skiläuferin, wird sich im Wettlauf um die Zeit nach den gegebenen Regeln wohl eher gegen KonkurrentINnen durchsetzen müssen? Eine Moderatorin, hat im harten Mediengeschäft durchaus eine Altersquote zu fürchten, die wohl eher männlicher Beurteilung obliegt und für ModeratorEN und NachrichtensprechER wesentlich großzügiger ausfällt. Folgt man dem Argument, dass Quotenfrauen  nicht qua Leistung sondern allein dank einer gesetzlichen Regelung auf den Chefsessel gelangen, wie wäre dann mit Trägerinnen der Namen Wagner (Festspielchefin Bayreuth), Quandt (Vorsitzende der Harald Quandt-Holding), und Cramer (Geschäftsführerin Warsteiner/Haus Cramer KG) umzugehen ....?
Die Frauen, die ihren Aufstieg allein ihrer Leistung verdanken, werden mit Statements zitiert, die durchaus nicht im Widerspruch zu einer Quote stehen:
"Damit wirklich mehr Frauen in Führungspositionen kommen, müssten sich Managementstrukturen ändern" (Johanna Hey, Professorin für Steuerrecht)
"Viel wichtiger ist es, Frauen aus dem mittleren Management zu entwickeln, damit sie für Top-Jobs in Frage kommen." (Regine Stachelhaus, Personalchefin von E.ON)
(FOCUS, 14. Januar 2013, Nr. 03/13, S.36-47)
Aha! Genau darum geht's! Weiterführend ließe sich noch fragen, welche Führungsqualitäten überhaupt als solche anerkannt werden? Wie verlaufen Rekrutierungsprozesse (vgl. Blogbeitrag vom 09.12.12)
Das anonym geschriebene Buch einer Topmanagerin, die sich weder als Autorin noch im Interview zu erkennen gibt, vermittelt ein sehr realistisches Bild vom steinigen Weg, den Frauen in die Toppositionen zu bewältigen haben. Das Äußere kann dabei nur selten ausgeklammert werden. Große Frauen haben zwar das Glück von männlichen Kollegen und Vorgesetzen eher für voll genommen zu werden als kleine und schmale, aber wehe sie tragen High Heels und überragen ihr männliches Gegenüber. Ist eine Frau sehr attraktiv, ist es ihr nahezu unmöglich die Aufmerksamkeit auf ihre fachliche Kompetenz zu fokussieren; ist sie es zu wenig, hat sie häufig mit Ablehnung seitens der männlichen Entscheidungsträger zu rechnen. Und wie definiert sich Qualifikation...?

"FAS: Hilft die Quote?"
Anonyma: Ja, weil zu oft nach männlichen Kriterien befördert wird. Es heißt: ist die Person selbstbewusst, entschlussfreudig, durchsetzungsstark? Nie habe ich in Auswahlprozessen gehört: Welcher Kandidat geht gut mit Mitarbeitern um? Wer ist kooperativ oder sprachlich begabt?" (F.A.S.  03. Februar 2013, Nr. 5, Wirtschaft S. 26)




Der satirische Blick auf's Thema: